Der kurzsichtige Hund

 

Unser lieber Jay ist ein Traumhund. Ein Hund wie er im Buche steht. Wer uns beide schon mal beim Rally Obedience gesehen hat, weiß, wie Jay an meinen Lippen hängt und jedes Wort umsetzt in das Kommando, welches ich ihm mitteile.

Beim Agility setzt er alle Zeichen, alle Kommandos um, er springt kurz und weit, er nimmt den Tunnel - einfach alles. Es macht einfach Spaß mit ihm zu arbeiten.

Aber es gibt Situationen, die seltsam sind, die anstrengend sind und die den Jay einfach aufregen.

Wir haben ihn jetzt gut 2 Jahre und es gibt Sachen, die Fragen aufwarfen. Jay hat auf einem unbekannten Sparzierweg, den Mülleimer verbellt. Er hat sich tierisch darüber aufgeregt, dass dort was stand, was er nicht kannte. Bei meiner Freundin im Garten stehen lebendsgroße Tiere aus Hartplastik, die Jay im ersten Moment völlig aus der Fassung brachten.

Alles Situationen, die damit erklärbar sind, dass Jay sowas noch nicht erlebt hat. Mittlerweile kannte er die Kühe auf den Weiden, die ruhig grasten. Er wußte, dass diese keine Gefahr für ihn bedeuteten. Bis eines Tages die Jungrinder auf der Wiese standen und die ihm neugierig aufgeregt hinterher liefen. Das fand Jay gar nicht witzig und auf einmal machte es ihm was aus, wenn die Kühe nah am Zaun standen. Er verbellte sie fürchterlich. Gut die Erfahrung mit den Jungrindern hatte ihn verändert. Also bekam er beim Vorbeigehen an den Rindern eine Leine drauf und ich clickerte ihn mit Leckerchen vorbei.

Normalerweise gehe ich, der Mensch ist ein Gewohnheitstier, immer den gleichen Sparzierweg. Doch ab und an ging ich auf der anderen Straßenseite eine andere Route. Diese Route behagte dem Jay nicht. Hier war er extrem nervös und ein bloßes Fenster öffnen von den Anwohnern brachte ihn aus der Fassung. Kurze hastige Bewegungen in einem gewissen Abstand liessen ihn ausrasten. Ich habe versucht diese Nervösität abzubauen, aber es gelang mir nicht wirklich.

Zuhause veränderte Jay sich auch. Hyperaktiv war es sowieso. Er hielt sich gerne in unserer Nähe auf. Ferne machte ihn nervös. Aber er wurde immer wachsamer, er schlug häufiger und heftiger an und er mochte, die ihm bekannte Treppe nicht mehr nehmen. Manchmal half es, wenn man sich neben ihn stellte und mit ihm gemeinsam die Treppe hochging. Wobei er die letzten Stufe immer im Schweinsgalopp nimmt. Es ist unterschiedlich wie man ihm helfen kann, aber manchmal geht er auch gar nicht die Treppe und zieht es vor unten zu bleiben. Völlig untypisch für Jay, der gerne mit einem auf der Couch kuschelt und gar nicht gerne alleine bleibt.

Nun kam der Tag, wo Jay das Zepter in die Hand nahm und einen Mann verbellte, der unseren Weg auf großer Entfernung kreutze.In ordentlicher Colliemanier umkreiste er diesen Mann, den wir eigentlich kennen, griff ihn nicht an, aber verbellte ihn ordentlich, bis ich nah genug war um ihn abzurufen. Ich entschuldigte mich bei diesem ausserordentlich netten Mann, der viel Verständnis für meinen "ungehorsamen" Hund hatte, der doch sonst immer so gut im Gehorsam stand.

Ich vereinbarte mit Silke einen Termin um die Schilddrüsenwerte zu überprüfen. Keine Auffälligkeiten - aber Silke kam auf die Idee, dass eventuell was mit den Augen nicht stimmte.

Auf unserem letzten Sparziergang hatte Jay auch die Pferdeäpfel auf dem Weg verbellt bis er nah genug dran war um dann völlig entspannt an ihnen vorbei zu gehen. Beim Agility hatte Jay auf einmal wieder Höhenangst als er auf dem Steg stand, obwohl er ihn eigentlich  sonst immer gelassen nimmt.

Okay diesen Freitag waren wir nun beim Augenarzt: Fr. Dr. A. Petzold. Sie hat ihre Doktorarbeit über das Messen der Sehkraft beim Hund geschrieben. Und siehe da: Jay ist extrem kurzsichtig. Sie hat mir ihre Messmethode erklärt, die sie sich an dem Messverfahren bei Kleinstkindern abgeguckt hat. Natürlich kann man keine Aussage treffen, was es  für einen Hund heißt nur -4,5 Dioptrien zu haben, denn kein Hund, der Welt kann uns dies mitteilen. Hunde sehen sowieso anders wie wir Menschen, allein was das Farbensehen angeht. Ausserdem können die Hunde das Nicht- Sehen  vielleicht auch ausgleichen über ihren Geruchssinn, der nun mal ausserordentlich gut ist. Verpaart mit dem Hören stört es vielleicht manche Hunde nicht, Dinge auf der Entfernung nicht sehen zu können oder nur verschwommen.

Aber ich habe einen Hund, den es sehr streßt und im Nachhinein kann ich viele Sachen auch verstehen.

Nun hat man die Möglichkeit seinem Hund eine Brille zu verpassen, so lustig sich das auch anhört. Aber bei einem Collie ist dass aus anatomischen Gründen nicht möglich. Er würde auf die Fassung der Brille schauen und nicht auf die Gläser. Alternativ kann der Hund auf längere Dauer Kontaktlinsen tragen, wenn sie von der Größe her passen und nicht herausfallen. Sollte der Preis nicht mein Budget übersteigen und auch nicht jenseits von Gut und Böse sein, werde ich mit meinem Hund diesen Weg gehen und euch hier weiter berichten.

 

 

powered by Beepworld